Baukunst

 

DAS SCHÖNSTE OPERNHAUS IM REVIER

Im Herzen von Gelsenkirchen, wo sich die Lebensadern des Ruhrgebiets von Osten nach Westen und von Süden nach Norden queren, liegt ein Juwel – schon seit einem halben Jahrhundert. Es ist der Kunst geweiht, dem Musiktheater gewidmet und doch selbst ein Kunstwerk, ein Stück Baukunst, das vor 50 Jahren visionär war, heute ungeheuer modern wirkt und in 50 Jahren ein Klassiker des 20. Jahrhunderts sein wird.

Professor Werner Ruhnau

Werner Ruhnau hat wie im Bauhüttenwesen des Mittelalters alle Künste zusammengefasst, Bildende Künstler integriert und so ein Gesamtkunstwerk geschaffen. Die filigranen Röhrenplastiken von Norbert Kricke, die kinetischen Arbeiten von Jean Tinguely, Robert Adams weißes Betonrelief vor dem Eingang, das Relief von Paul Dierkes an der Rundwand des Auditoriums oder die größten Monochrome der Welt, die Schwammreliefs im „Gelsenkirchener Blau“ von Yves Klein: An diesem Haus gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken.

Und wenn der sehende Zuschauer an dieser Jahrhundertkunst vorbei den schwarzen Zuschauerraum erreicht hat, über sich einen künstlichen Sternenhimmel von ungeheurer Weite sieht, spürt er jene erhabene Gelassenheit, um ins Musiktheater einzutauchen, sich den Eindrücken von Bühne und Orchestergraben zu stellen.

Die Menschen an Emscher und Ruhr lieben ihr MiR, wie sie es vertraut nennen. Weil dieses Bauwerk der Kunst dient und nicht selbstherrlich für sich steht. Und weil das MiR als einer der bedeutendsten Theaterbauten der Nachkriegszeit in Deutschland gilt „durch die hohe baukünstlerische Qualität, die gelungene Integration von Werken der bildenden Kunst.“ *

* Georg Dehio, Das Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler „Nordrhein-Westfalen II – Westfalen“, 2012

 

DAS FOYER DES JAHRHUNDERTS

Die schönsten Fälle sind die Zufälle. Im März des Jahres 1957 sind der junge Architekt Werner Ruhnau und seine Frau Anita in Paris. Sie besuchen eine Ausstellung von Norbert Kricke in der Galerie von Iris Clert und lernen über sie den jungen und noch völlig unbekannten Yves Klein kennen.

Yves Klein

Ruhnau, der von Mies van der Rohe den Wert der Integration gelernt hat, ist begeistert von den konsequent monochromen Arbeiten. Der Spross einer Malerfamilie hatte die Abkehr von beliebiger Buntheit und die Fixierung auf eine Farbe zunächst als Protesthaltung entwickelt. Erst in Gelsenkirchen wurde daraus eine neue puristische Ikonografie.

Die Weltkarriere des Yves Klein begann hier im Revier, im MiR. Schon 1957 reiste Yves Klein zu der Baustelle an der Emscher, erkannte die ungeheuren Raumdimensionen und zwingenden Wandflächen und prophezeite voller Euphorie „Dieses wird das Foyer des Jahrhunderts.“ Und er sollte Recht behalten. Darum ist nicht nur der 6. Juni 2012, 50. Todestag des jung verstorbenen Künstlers, für das MiR Anlass, sein Andenken zu pflegen. Es ist seine Kunst selbst – die größten Monochrome der Kunstgeschichte.

Manifest

„Es lebe die europäische Situation, es lebe das Theater in Gelsenkirchen!“

Was Yves Klein Ende der fünfziger Jahre in seinen Briefen an den federführenden Architekten des neuen Theaters, Werner Ruhnau, emphatisch zum Ausdruck brachte, liest sich heute wie ein Manifest. Und es ist auch eines, denn die mutige Entscheidung der Politiker und Kulturverantwortlichen in Gelsenkirchen für ein Theater avantgardistischen Zuschnitts erregte internationales Aufsehen.